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Erziehungscamp für Koch 22. Januar 2008

Posted by Stefan D. Christoph in Politisches.
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Ein Kulturpessimist würde die jüngsten Debatten über Jugendkriminalität wohl als irrationalen Atavismus abstempeln. Anstatt nach den Ursachen zu suchen, wird die Methode „blinder Aktionismus“ angewandt – ob das nun Degeneriertheit oder schlicht Dekadenz ist sei in den Raum gestellt.

Roland Koch obgleich scheint sein Populismusversuch indes nicht gerade förderlich gewesen zu sein: In Umfragen für die Landtagswahlen kommenden Sonntag in Hessen ist Koch mit seiner CDU auf schlappe 38 % abgesunken. Dies auch unter anderem durch die rigide Bildungspolitik seines Wissenschaftsministers Corts, der gegen jeden Widerstand Studiengebühren durchgedrückt hat und seiner Kultusministerin Sigrid Wolff, die gegen Prosteste von Eltern und SchülerInnen das achtjährige Gymnasium – das G8, wie auch hier in Bayern eingeführt – durchdrückt.

Auch muss man sehen, dass Kochs Schuss eigentlich nur nach hinten losgehen kann. Schließlich ist das Kriminalitätsthema traditionell ein Oppositionsthema. Denn wenn eine Regierung einen signifikanten Anstieg der Kriminaliät öffentlich zugibt, demontiert sie doch im Endeffekt damit ihre eigene Politik der letzten Jahre, die in dem Punkt ja dann wohl fehlgeschlagen ist.

Uns nicht verschonen wollend schließen sich auch Beckstein und Konsorten dem gemeinschaftlichen Ausländer- und Jugendlichen-Bashing an, anstatt nach echten Lösungen zu suchen.

 

Würde ich es nicht besser wissen, könnte man sich fast denken, dieses Polittheater sei dadaistische oder surrealistische Ausdruckskunst. So erscheint jedenfalls die Argumentation der Kochs und Konsorten. Leider weiß man, dass ganz ernsthafte Absichten dahinterstecken.

Hauptsächlich berufen sich die Debattanden auf zwei Statistiken, die ihre Forderungen untermauern sollen: Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) und eine Studie eines Hamburger Forschungsprojektes.

1) Die PKS als Quelle heranzuziehen is schon deshalb abwegig, weil sie lediglich die Verdächtigen erfasst, jedoch nicht die tatsächlich verurteilten Straftäter. Da in unserem Rechtsstaat die noch Unschuldsvermutung gilt sind diese Leute also auch keine Straftäter solange sie nicht verurteilt wurden.

Dass ausländische Jugendliche natürlich öfter als Tatverdächtige in Frage kommen ist auch klar: Immerhin sehen sie anders aus, reden anders, „sind“ anders; und nicht zuletzt springt der latente Rassismus in goßen Teilen unserer Gesellschaft auf so etwas an.

Wie viele der Jugendlichen mit Migrationshintergrund gegenüber den Deutschen jedoch nun wirklich Straftaten begangen haben lässt sich aus dieser Statistik keinesfalls herauslesen.

2) Die Methodik des Hamburger Forschers war die Folgende: Er befragte deutsche Kinder und solche mit Migrationshintergrund danach, wie oft und welche Straftaten sie schon begangen hätten. – Na? Leuchtets schon auf? Nicht?: Was soll diese Studie beweisen? Sie könnte alles aber auch gar nichts beweisen. Etwa könnte man sie auch heranziehen für „Deutsche Kinder lügen öfter“ oder „Ausländische Kinder antworten bei Fragen von Forschern wahrheitsgemäßer“. Der Gehalt dieser Studie geht also gegen null.

[Link]

Es gibt also noch immer keinen erwiesenen Zusammenhang zwischen Jugendkriminalität und dem Migrationshintergrund.

 

Nehmen wir die zweite Annahme der Kochs auseinander: Höhere Strafen bewirken eine bessere Prävention!

Seht ihr die Sinnhaftigkeit dieser Aussage? Sie besagt im runtergebrochen, dass es in unserer Gesellschaft eigentlich ja keine Verbrechen mehr geben dürfte, da bereits alle Verbrechen mit Strafe belegt sind. Die Empirie  sagt da anderes…

Außerdem werden solche Straferhöhungen keine Auswirkung auf Gewaltverbrechen haben (um die es in der Debatte doch eigentlich ging). Gewaltverbrechen passierten in 9 % der Fälle im Affekt. Oder glaubt ihr die beiden Jugendlichen aus München hätten sich vor ihrer Tat hingesetzt, die einschlägigen StGB Paragraphen gewälzt und subsummiert, welche Strafe sie im Falle einer Verurteilung erwarten würde; und dann sorgfältig das Verhältnis zwischen Strafe und dem Nutzen (???) ihrer Tat abgewägt? Nein, die beiden waren besoffen und agressiv. Eine höhere Strafe wäre nur Rache und das Racheprinzip sollte eigentlich nicht Sinn des Jugendstrafrechtes sein.

 

Die Lösung die ich also Vorschlagen würde: Erziehungscamp für Koch! Da könnte man ihm mal manieren beibringen und ihm das Gebot „Du sollst nicht lügen!“ näherbringen.

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Kommentare»

1. Thommy - 22. Januar 2008

Du stellst die frage: Degeneriert oder dekadent?

Ich würde sagen ein wenig von beidem und hoffentlich bald weg vom Fenster.

2. Matthias - 22. Januar 2008

Also was den Dadaismus angeht: ich habe kürzlich überlegt, von ZEIT auf TITANIC umzusteigen. Da weiß ich wenigstens woran ich bin.

3. Dossier: Kochduell - oder: Quo Vadis Hessen? « Gaervorgang.de - 3. November 2008

[…] und zeigte sich gönnerhaft als Förderer der schönen Künste: In einem beispielhaft beispiellos dadaistischen Wahlkampf (eigener Artikel!) machte er es seiner Herausforderin, der schönen Fürstin Dagmar leicht, beim […]


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